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Industriestadt sonntags abends

KaKAO-Karte Nr. 10, welche den Titel „Industriestadt sonntags abends“ trägt. Entstanden ist sie nach dem gleichnamigen Gedicht von Hildegard Wohlgemuth:

Industriestadt sonntags abends (Hildegard Wohlgemuth, 1971)

Sie bürstet das Rauchhaar nach oben,
reckt den Schlothals ins Sternbild Schwan
und die Luftröhre über die Langeweile.
Sie verdeckt unter dem Neontrikot
Risse und Narben
und schnürt den Grüngürtel enger
gegen Lichthunger.

Sie glättet den Faltenwurf
schwarzer Sorgen
in die Feierabendmimik
und stülpt eine Sternensehnsucht
unters Flutlicht des Fußballplatzes.
Sie holt den Stundenfrieden
aus dem Taubenschlag
und aus dem Kiosk
die Lottozahlenhoffnung.

Die erste Strophe beschreibt dabei die Stadt selbst, personifiziert und verbildlicht sie. So steht das Rauchhaar für den Rauch aus den Fabriken, der Schlothals weist auf die Fabriken selbst hin. Den Schwan im Himmel würde ich mit Reinheit verbinden, welche für die Stadt jedoch unerreichbar ist, die Langeweile ist wohl ein Hinweis auf die täglich gleichen und damit uninteressanten Abläufe. Das Neontrikot wiederum steht für die diversen Leuchtschriftzüge, die eine Stadt vor allem abends erstrahlen lassen und damit die „Risse und Narben“, also die baufälligen Gebäude oder, noch metaphorischer gedacht, die kaputte Gesellschaft verdecken und überspielen.
Der Grüngürtel ist schließlich eine Beschreibung für die Parks und Gärten, welche sich die Städter anlegen, um wenigstens ein bisschen Natur (Licht – Hoffnung) um sich zu haben und vor dem Lärm der Stadt zu fliehen.
Die zweite Strophe hingegen befasst sich nicht mehr mit dem Äußeren der Stadt, sondern mit dem Inneren – der Mentalität ihrer Bewohner. Dafür werden viele Neologismen – Wortneuschöpfungen – benutzt, ich nehme an, weil die Autorin nur mit ihnen das ausdrücken konnte, was sie sagen wollte.
Die schwarzen Sorgen stellen hier die Ängste der Menschen da: Arbeitslosigkeit, Mittellosigkeit, Familienprobleme, … , welche aber verdrängt werden, sobald man nach Feierabend vor dem Fernseher ein Bier trinken kann (um es mal stark herunterzubrechen).
Die Sternensehnsucht (ein sehr schönes Wort, wie ich finde) verdeutlicht mMn die Träume, Wünsche und Hoffnungen der Menschen, welche jedoch nur noch mit Banalitäten – wie z.B. Fußballspielen – verbunden sind. Der „Stundenfrieden aus dem Taubenschlag“ ist ein Begriff, bei dem ich Schwierigkeiten habe, ihn zu interpretieren. Tauben sind ein Symbol für den Frieden, der in dem Taubenschlag mehr oder weniger eingesperrt ist. Vielleicht ein Hinweis auf die Nacht, die ein paar Stunden Ruhe verspricht, bevor der Arbeitsalltag wieder von vorn losgeht. Die Lottozahlenhoffnung aus dem Kiosk hingegen ist wieder leichter zu verstehen: Ein Los und damit die Chance auf einen Hohen Geldgewinn ist eine der wenigen Hoffnungen, die die Menschen noch haben, auch, wenn sie noch so unwahrscheinlich ist.

Insgesamt stellt das Gedicht die Stadt sehr negativ dar – und vielleicht auch ein wenig einseitig. Auch, wenn Städte erst einmal mit Begriffen wie „groß, laut, voll und unübersichtlich“ beschrieben werden, so haben sie dennoch auch Vorteile – ansonsten würde es sie kaum geben (oder doch?).

Kennen gelernt habe ich das Gedicht durch die Schule. In der achten Klasse haben wir es in Deutsch behandelt, und vor einigen Tagen kam es mir wieder ins Gedächtnis. Ich denke, ich kann mich daran erinnern, da wir schon damals ein Bild von dieser Stadt zeichnen sollten. Das sah bei mir damals so aus:

Man bemerkt vielleicht, dass ich mir damals nicht so viel Mühe gegeben habe :) Auch meine Interpretation von damals habe ich wieder gefunden… Mensch, was waren da Fehler drin.
Aber nun ein paar Worte zu meiner Darstellung:
Ich habe mich von vorn herein an dem Gedicht orientiert, mir aber erlaubt, ein paar kleine Änderungen vorzunehmen. So habe ich den „Schlothals“ aus ästhetischen Gründen weggelassen, zusätzlich zu dem „Rauchhaar“ qualmt sie aber auch noch aus dem Mund. Den „Grüngürtel“ habe ich mit Blumen dargestellt und das „Neontrikot“ durch die Schriftzüge – welche ich mit Textmarkern angemalt habe, sodass sie sogar ein winziges bisschen zu leuchten scheinen :> Eigentlich hatte ich noch mehr Schrift, aber die war dann so klein, dass sie auf dem Format – 6,4 x 8,9cm – nicht mehr erkennbar war.
Auch das „Sternbild Schwan“ ist übrigens im Hintergrund zu finden :)
Ich bin ziemlich glücklich mit der Karte, und es ist wohl meine bisher detaillierteste. Es ist schon erstaunlich, anfangs denkt man, dass auf dieses kleine Format höchstens ein Gesicht passt, aber je länger man sich mit den Karten beschäftigt, desto kleiner werden die Zeichnungen.

Entstanden ist sie übrigens für meine erste STA (SammelTauschAktion) mit dem Thema „Außergewöhnliche Gijinka“ auf Animexx. Bei einer STA wird ein Thema vorgegeben, zu dem jeder z.B. drei Karten zeichnet und an den Leiter der STA schickt. Dieser verteilt dann alle eingereichten Karten, teilweise nach Wünschen, teilweise nach Zufall, neu, sodass man im Endeffekt drei Karten von Zeichnern hat, die man vielleicht vorher noch gar nicht kannte.
Eine sehr schöne Idee, wie ich finde! :>
Gijinkas sind übrigens Personifizierungen, daher auch meine Verbindung zu dem Gedicht. In naher Zukunft werden also noch zwei weitere Personifizierungen folgen! :D

Phiu, längster Eintrag seit langem.

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